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Rom und Aventicum
(Vitrinen 16-18)

Der Kaiser, das Kaiserhaus und die Provinz
Rom übte auf unterschiedlichste Weise seine Macht und seinen Einfluss auf das Reichsgebiet aus. Ein rigoroses Ordnungssystem regelte die Verwaltung der Provinzen. Präsenz der Armee, Gesetzgebung, Amtssprache (Latein im Westen, Griechisch im Osten), Währungssystem, Standardmasse und das Steuerwesen wurden den Provinzen auferlegt. Von ihnen erwartete Rom absolute Loyalität und Unterwerfung unter die Herrschaft des Kaisers.

Urbs, ursprünglich einfach das lateinische Wort für "Stadt", war die übliche Bezeichnung für Rom, die Hauptstadt des Reiches. Sie wird häufig symbolisiert durch ein Bildmotiv aus dem Gründungsmythos der Stadt, durch die Wölfin, die die Zwillinge Romulus und Remus säugt (4).

Im Kaiserkult (Vitrine 17, Nr. 6), den Augustus eingeführt hatte, drückte sich die ganze Macht des Herrschers und seiner Familie aus. Der Kaiser wurde schon zu Lebzeiten als Gott betrachtet. In Aventicum fand der Kult des Herrscherhauses wahrscheinlich im Cigognier-Heiligtum statt, wo man die Goldbüste des Kaisers Marc Aurel fand (6). Der Herrscher und die Mitglieder seiner Familie waren in der ganzen Stadt durch Statuen und Büsten präsent (5, 7). Nur wenige davon sind uns erhalten geblieben. Bei einigen ist man sich über die Identifizierung einig (Marc Aurel, Agrippina Maior), andere sind jedoch noch umstritten (Vitrine 17, Nr. 1-5). Der Kaiser liess sich entweder nackt wie ein Gott darstellen, oder wie ein Philosoph in der Toga aber auch in Rüstung als oberster General der Armee.

Porträts des Kaisers schmückten Münzen und Medaillons, deren Gültigkeit auf diese Weise garantiert wurde (Vitrine 17, Nr. 11-23). Münzen waren ein ideales Propagandamittel, da sie nicht nur das Abbild des Herrschers verbreiteten, sondern auch auf politische und familiäre Ereignisse innerhalb des Herrscherhauses anspielten und moralische und ethische Werte vermittelten (Vitrine 17, Nr. 24-33).

Die kaiserliche Familie spielte jedoch auch eine wirtschaftliche Rolle. Sie besass z. B. Steinbrüche, Weinberge oder Produktionszentren zur Herstellung von Olivenöl. Das Bleimedaillon, auf dem das Porträt der Antonia Minor dargestellt ist, der Mutter des Kaisers Claudius (Vitrine 17, Nr. 7), gehörte wahrscheinlich zu einem Siegel, mit dem eine Warensendung verschlossen war, die unter kaiserlicher Protektion stand.


Vitrine 16
Weihinschrift für die Amme eines Kaisers

[D(is)] M(anibus)/Pomp(eiae)
Gemell[(ae)]/Pomp(eia) Dic[a]ea l(iberta)/et
Primu[l]ia s(erva)/educat(ricis) [A]ugusti n(ostri).
Den göttlichen Manen. Die Freigelassene Pompeia Dicaea und die Sklavin Primulia (haben dieses Denkmal errichtet) für Pompeia Gemella, die Amme unseres Kaisers.
Es handelt sich sehr wahrscheinlich um die Grabinschrift der Amme des Kaisers Titus (79-81 n. Chr.).
2. Hälfte 1. Jh. n. Chr.
Inschriftenkatalog Nr. 3.

Vitrine 17
1-5. Fragmente einer Bronzestatue. Sie stellte vermutlich den Kaiser Hadrian (117-138 n. Chr.) im Panzer dar.
Mitte 2. Jh. n. Chr.
6. Votivtäfelchen aus Bronze für Mars Caisivus:        Mart[i] Caisiv[o]/Pomp(onius oder -eius?)        Optatus/fl(amen) Aug(usti) (e)x stip{e).
Dem Mars Caisivus (liess) Pomponius(?) Optatus, Priester des kaiserlichen Kultes, (diese Statuette? herstellen) aus einer Spende.
Dieses Täfelchen war offensichtlich an einer Weihgabe für Mars Caisivus angebracht, die der Priester für den Kaiserkult in Auftrag gegeben hatte.
1.-3. Jh. n. Chr.
Inschriftenkatalog Nr. 23.
7. Porträt der Antonia Minor (36 v. Chr. - 37 n. Chr.), Mutter des Kaisers Claudius (41-54 n. Chr.).
Bleitäfelchen.
8. Porträt des Kaisers Hadrian (117-138 n. Chr.).
In römischer Zeit zu einem Medaillon umgearbeitete Bronzemünze (1).
9. Porträt des Kaisers Commodus (180-192 n. Chr.).
Bronzemedaillon.
10. Porträt der Agrippina Maior (2). Dieses Medaillon  Medaillon aus Glas war ursprünglich in Metall gefasst. Es handelt sich um einen militärischen Orden, der verdiente Soldaten vor allem der am Rhein stationierten Legionen hauptsächlich im zweiten Viertel des 1. Jhs. N. Chr. erhielten.
11. Augustus (27 v. Chr. - 14 n. Chr.).
12. Tiberius (14-37 n. Chr.).
13. Antonia Minor, Mutter des Kaisers Claudius. Dupondius.
14. Claudius (41-54 n. Chr.) (3).
15. Vespasian (69-79 n. Chr.).
16. Domitian (81-96 n. Chr.).
17. Antoninus Pius (138-161 n. Chr.).
18. Marc Aurel (161-180 n. Chr.).
19. Faustina II. (um 130-176 n. Chr.), Gattin des Marc Aurel.
20. Septimius Severus (193-211 n. Chr.).
21. Iulia Domna (um 170-217 n. Chr.), Gattin des Septimius Severus.
22. Maximinus Thrax (235-238 n. Chr.).
23. Philippus Arabs (244-249 n. Chr.).
24. Altar von Lyon. Augustus.
25. Templum divi Augusti restitutum. Emission des Antoninus Pius aus Anlass des Wiederaufbaus des Tempels des Augustus.
26. Virtuti Augusti. Domitian.
27. Concordia: Ein Handschlag, Symbol für die Eintracht. Nerva.
28. Concordia Augustorum. Marc Aurel und sein Bruder Lucius Verus verkünden ihre gemeinsame, in Harmonie geführte Herrschaft. Sesterz.
29. Adlocutio. Marc Aurel spricht zu seinen Truppen.
30. Aufgestapelte Waffen; Tropaion aus Anlass des Triumphes des Marc Aurel über die Germanen.
31. Faustina II., Gattin des Marc Aurel, mit sechs ihrer dreizehn Kinder.
32. Eines der Zwillingspaare des Marc Aurel und der Faustina, der spätere Kaiser Commodus und sein Bruder.
33. Die Bestattungsfeierlichkeiten für Antonia Minor, die Mutter des Kaisers Claudius.

Vitrine 18
Weihinschrift für Britannicus (41-55 n. Chr.), Sohn des Kaisers Claudius und seiner Gattin Messalina

Ti(berio) Claud(io) Caesari/Ti(beri) Claudi Caesaris/
[Aug(usti) Germanici] p(atris) p(atriae) f(ilio)/
[Britannico]/[Helveti public]e.
Dem Tiberius Claudius Caesar Britannicus, Sohn des Kaisers Tiberius Claudius, (mit dem Titel) Germanicus und Vater des Vaterlandes, (liessen) die Helvetier (dieses Denkmal errichten) auf öffentlichen Beschluss.
Dies ist eine der seltenen Inschriften zu Ehren des jungen Britannicus, der im Alter von 14 Jahren von seinem Stiefbruder Nero nach dessen Thronbesteigung im Jahr 54 ermordet wurde. Die Inschrift war auf einem Marmorsockel angebracht, der wahrscheinlich als Statuenbasis diente.
Inschriftenkatalog Nr. 6.

Darstellung der Kapitolinischen Wölfin, die Zwillinge Romulus und Remus säugend (4)
Das Kalksteinrelief wurde im Innenhof der Palastvilla in der Flur Derrière la Tour entdeckt.
2. Jh. n. Chr.
Die Darstellung des Mythos von der wundersamen Rettung des Gründers Roms und seines Bruders ist ein Sinnbild des Römischen Reiches. Dieses war als Motiv sehr beliebt und wurde auch noch auf spätantiken Münzen dargestellt (vgl. Vitrine 25, Nr. 20).

Porträt einer Prinzessin (5)
Marmorbüste. Gefunden 1847 im römischen Theater von Aventicum.
Kopie; das Original befindet sich im Archäologischen Museum von Neuenburg.
Gesicht, Haare und Gewand waren bemalt. Rote Farbreste, die noch im Haar zu erkennen sind, stammen von der Grundierung für die ursprüngliche Vergoldung.
Die Gesichtszüge der jungen Frau waren durch sorgfältige farbige Modellierung besonders hervorgehoben. Sie trug ein blaugrünes Gewand.
Die Identifizierung dieses qualitätsvollen Porträts ist umstritten.
Es könnte Iulia dargestellt sein, die Tochter des Drusus Minor und der Livilla. Sie heiratete 21 n. Chr., im Alter von 15 Jahren Nero Iulius Caesar, den Sohn des Germanicus, der im Jahr 23 n. Chr. als Kronzprinzen designiert, später jedoch zum Staatsfeind erklärt und dann verbannt wurde.
Eine andere Deutung  weist dieses Porträt der Antonia Minor (36 v. Chr. - 37 n. Chr.) zu, der Mutter des Kaisers Claudius.
Diese Büste belegt die engen Beziehungen, die zur Zeit des Kaisers Tiberius zwischen Rom und Aventicum bestanden.

Agrippina Maior
Marmorstatue. Gefunden im Norden des Forums von Aventicum.
2. Viertel 1. Jh. n. Chr.
Monumentalstatue von ca. 2,75 m Höhe, deren Porträtkopf vermutlich die Züge der Agrippina Maior, der Gattin des Germanicus, trägt.
Sie war die Mutter des Kaisers Caligula (37-41 n. Chr.) und der Agrippina Minor, die ihrerseits die Mutter des Kaisers Nero (54-68 n. Chr.) war. Agrippina Maior ist hier als Göttin Fortuna dargestellt. Sie trägt einen Chiton (Frauengewand griechischer Herkunft), römische Frauenschuhe und hält ein Füllhorn in ihrer Linken. Trotz des schlechten Erhaltungszustands der Statue, ist die Qualität der bildhauerischen Arbeit gut zu erkennen. Die Skulptur gehört zu einer Statuengruppe, die drei oder vier Mitglieder der kaiserlichen Familie darstellte. Die öffentliche Aufstellung von Bildnissen des Kaisers und seiner Familie war ein wesentliches Element der politischen Propaganda Roms.

Männliche Statue
Marmorfuss. Gefunden im Norden des Forums von Aventicum.
2. Viertel 1. Jh. n. Chr.
Dieser Fuss lässt sich derselben Statuengruppe zuweisen, zu der auch die Skulptur der Aggrippina Maior gehört. Nach der Art der Fussbekleidung zu schliessen war dieses weitere Mitglied der kaiserlichen Familie als sogenannte Panzerstatue, d.h. als General dargestellt. Die ursprüngliche Gesamthöhe der Statue betrug ca. 3 m.

Reiterstatue (7)
Beinfragment aus vergoldeter Bronze. Gefunden beim Palast von Derrière la Tour.
2.-3. Jh. n. Chr.
Erhalten ist nur das rechte Bein des Reiters. Er trägt die den römischen Patriziern vorbehaltene Fussbekleidung, die calcei patricii. Der Typus der Reiterstatue folgt einem bekannten Schema; das am besten erhaltene Beispiel ist die Reiterstatue des Kaisers Marc Aurel vom Kapitol in Rom, die unserer Rekonstruktion als Modell gedient hat. Solche lebensgrossen oder monumentalen, vergoldeten Reiterstatuen schmückten oft öffentliche Plätze.

Kaiserstatuen ?
Fragmente von drei oder vier monumentalen Statuen aus vergoldeter Bronze.
1.-3. Jh. n. Chr.
Die Überlebensgrösse der Fragmente ist ein Indiz dafür, dass es sich um Statuen von Kaisern oder von hohen Würdenträgern des Reiches handeln muss.
Die Rekonstruktion der einzelnen Standbilder ist noch nicht geglückt. Die Fragmente gehörten wahrscheinlich zu einem der hier vorgeschlagenen Statuentypen.

Marc Aurel (6)
Kopie der Goldbüste, gefunden 1939 in einer Kanalisation innerhalb des Cigognier-Heiligtums. Treibarbeit.
Um 180 n. Chr.
Die Identifizierung dieser Büste als Porträt des Kaisers Marc Aurel (161-180 n. Chr.) war lange umstritten. Bildnisse dieses Kaisers liegen zwar in grosser Anzahl vor; sie zeigen jedoch im allgemeinen schlankere Gesichtsproportionen. Trotz der viel zu niedrigen Stirn, der sehr breiten Wangen und der am Hinterkopf glattanliegenden Haare – lauter Züge, die nicht mit dem Porträt des Marc Aurel übereinstimmen – entspricht die untere Gesichtshälfte, vom Kinn bis zu den Brauen, dem sogenannten Alterstypus, d. h. dem offiziellen Bildnis des Kaisers in seinen letzten Lebensjahren.
Marc Aurel war Zeit seines Lebens nie in Aventicum. Er verbrachte annähernd siebzehn seiner neunzehn Regierungsjahre in den Donauregionen, wo die Reichsgrenze damals stark gefährdet war.
Kaiserbildnisse standen stellvertretend für den Herrscher und seine göttliche Macht als Kultstatuen im Mittelpunkt des Kaiserkultes; vor Gericht versinnbildlichte Porträt Gegenwart und höchste Autorität des Kaisers.

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