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cigognier-Heiligtum

Tempel des Kaiserkults für ganz Helvetien ?
Sowohl die Entdeckung der Goldbüste des Kaisers Marc Aurel in einer Abwasserleitung dieses riesigen Heiligtums als auch dessen Grundriss, der denjenigen des Templum Pacis in Rom übernimmt, sowie die Verbindung mit dem Theater im Rahmen eines Urbanisierungsvorhabens aus den letzten Jahren des 1. Jh. sind mehrere konvergierende Indizien für die Hypothese, dass dieser Tempel dem Kult geweiht war, den die Bevölkerung und die Behörden der civitas Helvetiorum hier dem Kaiser – zweifellos in Verbindung mit romanisierten helvetischen Gottheiten – erwiesen.

Rekonstruktion
Als Mittelpunkt der Loyalitätsbezeugungen gegenüber der römischen Staatsmacht ist dieses Heiligtum um einen weiten Innenhof angeordnet, der in der Längsachse von einer Allee durchzogen ist; ein imposanter Tempel mit Vorhalle (pronaos) mit acht Säulen dominiert den Hof auf der Nordseite; getragen wird der Tempel von einem hohen podium, auf dem auch die grosse, den Innenhof auf drei Seiten umgebende und mit drei Sitzreihen versehene Säulenhalle (Portikus) ruht. Eine hohe Mauer schloss das Ganze nach Süden ab; davor lag ein Vorhof. In der Mauer war ein Tor ausgespart, das die Achsenverbindung zum Theater und zur neuen Verbindungsstrasse vom West- zum Osttor der Stadt herstellte. Wie die Struktur der einzigen im Originalzustand erhaltenen Säule zeigt, sind Vorhalle (pronaos) und Säulenhallen so miteinander verschränkt, dass im Innern ein wohl für Prozessionen dienender Rundgang vorgegeben ist, der einen direkten Zugang von den Säulenhallen zum Innenhof verhindert. An den Ecken der nördlichen Portikus sind zwei sekundäre Eingänge bezeugt.

Ein Werk des Kaisers Trajan ?
Mit dem Bau wird im Jahr 98 n.Chr. begonnen; dieses Datum ergibt sich aus der dendrochronologischen Analyse der zahlreichen Eichenpfähle, auf denen die Fundamente des gesamten Mauerwerks ruhten. Der Tempel gehört zwar in die Reihe der grossen Bauvorhaben, die auf die Verleihung des Koloniestatus an Aventicum unter Vespasian (71/72 n.Chr.) folgten. Aber wahrscheinlich gehen die Initiative zu diesem Vorhaben, aber auch dessen Verwirklichung auf Trajan zurück, der als siegreicher Feldherr von einem Germanien-Feldzug nach Rom zurückgekehrt war und darauf den Kaiserthron bestieg; das Bauwerk sollte die dauerhafte Befriedung der nördlichen Reichsgebiete versinnbildlichen .

Ausmasse
Das Cigognier-Heiligtum ist der grösste Tempel von Aventicum. Aussenmasse: 111,58 x 118,80 m. Tempel: 42,17 x 27,36 m, Giebelhöhe 23,10 m, wovon 2,40 m für das Podium; Säulenhallen: 64,00 x 83,35 m, Giebelhöhe: 19,50 m, wovon 2,40 m für das Podium; Vorhof: 15,14 x 104,58 m.

Nach einem Vorbild in Rom ?
Nicht nur der Grundriss des Tempels, auch die verwendeten Bautechniken und -materialien wollen den Luxus der kaiserlichen Bauten in Rom nachahmen. Massive Fundamente aus kleinen gelben Kalksteinquadern, auf Pfählen ruhend und sorgfältig drainiert; Verkleidung des podium und der Sitzreihen der Säulenhallen aus Sandstein; aufgehendes Mauerwerk des Tempels, Fassade der Säulenhallen und Steinplattenboden im Innern aus weissem, Marmor nachahmendem Jurakalk; Verwendung farbiger, oft importierter Steinplatten zur Verkleidung der Innenwände; reicher Skulpturenschmuck der Gesimsbänder des Tempels mit figürlichen Verzierung (zwei erhaltene Gebälkstücke an der Südmauer der Stadtkirche Sainte Marie-Madeleine, ein drittes an der Rue des Alpes 37) sowie der Säulenhallen, die durch Paare von Meeresungeheuern im Kampf gegen Kantharoi (Kelche) gestaltet werden; Brüstungen der Bögen, welche die Säulenhallen zum pronaos hin öffnen, zuoberst mit einem Fries aus Meeresdrachen verziert (Spuren an der in situ erhaltenen Pfeilersäule noch sichtbar); fein ziselierte und vermutlich bemalte korinthische Kapitelle. Die genaue Bedeutung des recht heterogenen Bildprogramms weist wohl auf eine provinzielle Geschmacksrichtung und vielleicht auf ein helvetisches, aber romanisiertes und mit dem Kaiserkult verbundenes Pantheon hin, das unter Benutzung klassischer Muster bildlich dargestellt wurde.

Neuzeitlicher Name des Tempels
Die sogenannte Storchensäule («Le Cigognier»), deren Name auf ein ehemaliges Storchennest auf dem Säulenkapitell zurückgeht, erscheint erstmals 1642 auf einem Stich von Matthaeus Merian d.Ä. Bei der Restaurierung von 1978 wurde das Storchennest entfernt.

           
 
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